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Ohne Aufträge, ohne Geld: Wie ein Manager aus Österreich half, ein Unternehmen in Liberia aufzubauen

05.05.2018

 

Im Jahr 2006 kam Melvin Isaac Brown nach Deutschland. Die Liebe hat den gebürtigen Liberianer angetrieben, den weiten Weg von seinem Heimatland bis nach Niedersachsen auf sich zu nehmen. Zuvor lernte er in Liberia eine deutsche Ärztin kennen, die er wiedersehen wollte.

Thomas Hiebaum neben Melvin Brown

Foto: privat

Die Reise gelingt und neben dem privaten Glück fand Brown auch direkt einen Arbeitsplatz. Er hatte bereits jahrelange Erfahrung in der Baubranche und spezialisiert sich hierzulande auf Terrassen und Wintergärten. Er bildet sich weiter, wird unter anderem TÜV-zertifizierter Sicherheits- und Gesundheitsbeauftragter und spart.

Denn Melvin Brown hat ein Ziel: Er will seine Erfahrung einsetzen und in seinem Heimatland ein Unternehmen gründen. Er will erworbene Eigenschaften wie beispielsweise Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit, Vertrauenswürdigkeit und Qualitätsarbeit auch in Liberia etablieren — leider dort keine Selbstverständlichkeit, wie er sagt. Leiten will er das Unternehmen von Deutschland aus.

Manager ohne Grenzen verbindet Projekt und Know-How

Doch bei all seiner Erfahrung im Baustellenbereich fehlt ihm etwas: Erfahrung im Gründen und Führen eines Unternehmens. Darum bewirbt er sich bei der Stiftung „Manager ohne Grenzen“. Diese Stiftung fördert Projekte auf allen Kontinenten mit Managementwissen. Ehrenamtliche Experten schulen Gründer und ihre Mitarbeiter. Geld wird dafür aber nicht zur Verfügung gestellt.

Einzige Voraussetzung: Das Projekt muss es bereits geben. Und Melvin Brown hat sein Projekt bereits. Er nennt es „Buchanan Logistics and Construction Inc“. Er gibt an, dass er einen alten Lastwagen und einen Mini-Van gekauft hat und auch einige Werkzeuge besitzt. Was er nicht hat, ist genug Wissen.

Thomas HiebaumThomas Hiebaum baute ein Büro für die Firma auf und schulte Mitarbeiter in Liberia     Foto: privat

Doch das soll sich ändern. Thomas Hiebaum ist auf der anderen Seite bei der Stiftung angemeldet. Er ist ein österreichischer Manager und war zuletzt über 15 Jahre beim Autozulieferer Hella beschäftigt. Derzeit macht er ein Sabbatical, bevor er eine neue Führungsposition anstrebt. Doch in dieser Zeit will sich Hiebaum nicht ausruhen.  

Führungskräfte, die sich Manager ohne Grenzen anschließen wollen, werden zunächst drei Tage lang geschult. Den Führungskräften wird erklärt, was auf sie zukommt.

Österreichischer Manager hilft bei Liberia-Projekt

Thomas Hiebaum ist überzeugt, dass er helfen will und kann. Als die Stiftung ihm einige Projekte vorstellt, die zu seinem Karriereweg passen, ist auch Buchanan Logistics and Construction dabei. Hiebaum nimmt die Aufgabe an. „Die erste Überraschung erlebte ich beim Namen. Ich bereitete mich unter anderem auf ein Logistik-Unternehmen vor und tauschte mich mit Experten auf dem Gebiet aus. Dabei steht der Begriff „Logistics“ in Liberia dafür, dass die Bauarbeiter und das benötigte Werkzeug zu den Baustellen gebracht werden“, beschreibt Hiebaum die erste von einigen Überraschungen, die er in den kommenden Wochen erleben sollte, gegenüber Business Insider.

Der Manager reist schließlich nach Liberia. Er geht davon aus, dass er eine Firma vorfindet, die zwar noch Schulungen braucht, insgesamt aber bereits für den Start gut aufgestellt ist. Als er ankommt, ist alles anders. Den vom Ersparten gekauften Lastwagen — ein gebrauchtes Modell von der Deutschen Post — gibt es nicht mehr. Ein Bruder von Melvin Brown hat ihn vermietet — allerdings nie Geld gesehen.

Melvin Brown neben seinem kaputten LKWRückschlag für Melvin Brown: Sein erworbener LKW ist kaputt  Foto:privat

Nur mit Hilfe der Polizei erhält Brown sein Fahrzeug wieder. Doch der Motor ist kaputt und manche Teile wurden verkauft. Auch der angekündigte Van ist kaputt und das ersparte Geld aufgebraucht. Aufträge? Ebenfalls Fehlanzeige.

Als Melvin Brown sich seiner Lage bewusst wird, ist er schon zu Beginn des Projekts am Boden zerstört.  Hiebaums Einsatz beginnt nicht auf seinem Spezialfeld: Anstatt Brown und seine drei Mitarbeiter zu schulen, muss er  moralischen Beistand leisten.

Viele Rückschläge für den Unternehmensgründer

Schnell fokussiert sich der Manager auf die Zukunft. „Mir war sofort klar, dass der Bedarf und die Strukturen für so eine Firma, wie sie Melvin geplant hat, in Liberia vorhanden waren“, erklärt Hiebaum. Der Hintergrund: In Liberia ist die Transportinfrastruktur weitgehend zerstört. Insgesamt ist es ein Land, in dem etwa 80 Prozent der Menschen in Armut leben — also mit weniger als 1,25 US-Dollar am Tag auskommen müssen. Doch die Zeit war knapp: Rund vier Wochen hatte der Manager vor Ort, um die auf den Weg zu bringen.

„Ich überlegte mir, dass wir konkrete Aufträge brauchen. Die Mitarbeiter theoretisch zu schulen ist zwar auch wichtig, aber wenn solche Ausbildungen direkt an einem konkreten und echten Auftrag erfolgen, ist es wertvoller als ein ausgedachtes Szenario“, erklärt Hiebaum. Zusammen mit Melvin Brown machte er eine Liste mit möglichen Auftraggebern: Große Firmen in der Nähe fuhren sie an und auch die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) kontaktierten sie.

„Wir mussten uns einen Konzeptplan für die kommenden drei Jahre überlegen. Wir brauchten einen Internet-Auftritt, ein Logo und ein Motto“, erklärt Hiebaum die ersten Schritte auf dem Weg, die Bekanntheit zu weiter zu steigern. Schnell war klar: Eine Ameise soll im Logo abgebildet sein — sie steht für Fleiß und Disziplin. In schwarz und gelb entwickelt Hiebaum mit dem Team ein Corporate Design. Damit konnten die Unternehmen angefahren werden.

Unangemeldete Besuche bei potenziellen Auftraggebern

„Wir sind extra unangemeldet zu den Firmen gefahren und haben uns direkt vorgestellt. Viele Türen wurden uns geöffnet und ich gehe davon aus, dass auch mein Auftreten als Weißer dabei eine große Rolle gespielt hat.“ Dadurch erhielten sie häufig die Chance auf einen sogenannten „Elevator-Pitch“. Also rund dreißig Sekunden Zeit — wie die Dauer einer Aufzugfahrt — um jemanden von sich zu überzeugen.

Tatsächlich bekommt die Firma bald konkrete Anfragen: Unter anderem soll sie ein Angebot über die Rodung von 40 Kilometern Wald erstellen. Endlich kann die konkrete Arbeit also losgehen.

Schulungen in LiberiaDie Mitarbeiter werden aufwendig geschult    Foto:privat

Dann kommen konkrete Schulungen: „Kalkulation ist das A und O. Wir mussten Angebote einholen für das Mieten eines Bulldozers oder Motorsägen. Wir mussten überschlagen, wie viel Lohn wir den Arbeitern zahlen und aus den entstehenden Kosten ein Angebot erstellen. All das haben Melvins Angestellte unter meiner Anleitung selbst gemacht und dabei gelernt“, erklärt Hiebaum.

„Nachdem wir stundenlang gemeinsam eine Kalkulation erstellt haben, habe ich die Dokumente wieder gelöscht. Die Mitarbeiter sollten sie selbst noch einmal erstellen“, beschreibt der Manager die durchaus anstrengende Zeit. „Ich bin nur vier Wochen vor Ort, danach muss die Firma ohne mich zurechtkommen. Daher ist es existenziell, dass gerade Kalkulationen und Angebote an Kunden fehlerfrei und korrekt erstellt werden können.“

Mitarbeiter sollen bessere Bedingungen haben als woanders

Schnell wird Hiebaum klar: Das Projekt kann nur funktionieren, wenn Melvin Brown bereit ist, zumindest das erste Jahr überwiegend vor Ort zu sein und nicht bei seiner Familie in Deutschland. „Ich habe ihm erklärt, dass er erst wieder zurück kann, wenn die ersten Aufträge erfolgreich absolviert sind und die kurzfristigen Konzeptpläne aufgehen“, erzählt der Manager. 

Als diese schwere Entscheidung getroffen war, ging es zum nächsten Schritt. „Wir brauchten Mitarbeiter — obwohl wir noch keinen konkreten Auftrag an Land gezogen hatten. Doch durch die Massenarbeitslosigkeit in Liberia gelang es uns, Bauarbeiter auf Abruf bereit zu haben“, so Hiebaum. Überzeugt werden die Mitarbeiter mit einigen Benefits, die es bei anderen Firmen nicht gibt.

„Die Mitarbeiter erhalten Geld je Arbeitstag. Der Lohn beträgt im Konsens in Liberia 2 US-Dollar pro Tag. Wir zahlen 3 US-Dollar und dazu noch 1 US-Dollar für Verpflegung am Tag. Außerdem werden die Löhne nicht erst nach Projekt-Abschluss gezahlt, wie sonst, sondern alle zwei Wochen.“

Erste Aufträge kommen ins Haus — aber auch wieder ein großer Rückschlag

Westen in Corporate Design heben die Baustelle von anderen abArbeiter auf der Baustelle tragen Ausrüstung in den Firmen-Farben gelb und schwarz     Foto:privat

So fand die Firma schnell Mitarbeiter, die zudem Sicherheitsschuhe, Helme, Westen und weitere Arbeitsmaterialien in Corporate Design erhalten. Auf anderen Baustellen in Liberia müssen sich die Arbeiter selbst um ihre Ausrüstung kümmern. Melvin Brown übernimmt in der Zeit die Schulung der Baustellenleiter. Mit seinen 14 Jahren Erfahrung in dem Bereich und seinen Weiterbildungen kann er einen entscheidenden Schwerpunkt auf seinen Baustellen legen.

Den Auftrag für die Rodung hat Buchanan Logistics & Construction erhalten. Ein weiterer folgte später von ArcelorMittal, bei dem die Firma von Melvin Brown die Bretter unter Eisenbahnschienen austauschte. Weitere Aufträge von kleineren Firmen folgten.

Thomas Hiebaum war zu diesem Zeitpunkt bereits wieder in Österreich. Doch die Begeisterung in Liberia hielt an: Die Firma zog in ein größeres Gebäude. Doch kurz danach folgte ein schwerer Rückschlag: „In das neue Büro wurde eingebrochen und der Computer wurde unter anderem gestohlen. Alle Dateien waren weg“, berichtet der Manager. Aber: Da Hiebaum dafür sorgte, dass Dokumentenvorlagen in einer Cloud gespeichert wurden, konnten zumindest diese schnell wiederhergestellt werden.

Große Ausschreibungen entscheiden über die Zukunft der Firma

Drei feste Mitarbeiter hat die Firma mittlerweile: Ein Bruder von Melvin, eine Angestellte, die sich um das Accounting kümmert, und einen Senior-Supervisor, also den Chef aller Baustellenleiter. Die weiteren Arbeiter werden im Moment projektbezogen angestellt. Aktuell erwartet die Firma die Zusage von mehreren großen Ausschreibungen, auf die sie sich beworben hat. Im optimalen Fall könnten zehn weitere Mitarbeiter fest eingestellt werden.

Erfolgreich wurde die Firma dank der Erfahrung von Thomas Hiebaum, durch dessen Beratung die Firma an den richtigen Stellen angesetzt hat. Er half dabei den Fuhrpark wieder aufzubauen, schulte Mitarbeiter und schaffte ein Internet-basiertes Büro.

Die Firma profitiert auch davon, dass sich das Land zuletzt unter der ersten weiblichen Präsidentin und Friedensnobelpreisträgerin Ellen Johnson-Sirleaf stabilisiert hat. Mit der Wahl des neuen Präsidenten, dem Ex-Fußballstar ais Liberia George Weah, versucht sich das Land einen Aufschwung. Was dabei nicht fehlen darf: Aufbau einer funktionierenden Infrastruktur. Darin ist Buchanan Logistics & Construction dank der Hilfe von Manager Thomas Hiebaum bestens aufgestellt.

Quelle: Bussines Insider